Schmeller, Johann Andreas

* 1785 in Tirschenreuth
† 1852 in München

Landkreis / kreisfr. Stadt:
LK Tirschenreuth
Zeitl. Einordnung:
18. Jahrhundert
Kategorie/n:
Literatur, Sprache und Theater

Schlagwörter:
Schriftsteller

Germanist, bay. Sprachforscher und Begründer der Mundartforschung in Deutschland.


Biographie:

Roland Röhrich
JOHANN ANDREAS SCHMELLER (1785-1854) - Sprachgelehrter und Mundartforscher

»Schmellers Lob zu singen, hieße Waßer in die Donau tragen«, schreibt Franz Xaver von Schönwerth 1872 in den Verhandlungen des Historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg: »Er ist, wie wir Alle wißen, der baierische Grimm, sowohl in der schöpferischen Kraft des Geistes als in dem Umfange der staunenswerthen Thätigkeit und ihrer Erfolge. Nicht bloß Baiern allein, ganz Deutschland nennt seinen Namen mit Stolz und die Oberpfalz rühmt sich mit Recht ihres berühmten Sohnes. In der Geschichte der Sprachwißenschaft glänzt er unter den Sternen erster Größe.«

Worte, die im Überschwang der Begeisterung und der Dankbarkeit für einen akademischen Lehrer niedergeschrieben sein könnten! Doch der 25 Jahre jüngere Schönwerth hatte seine Universitätsstudien längst abgeschlossen, als Schmeller nach 18-jähriger Unterbrechung 1847 seine Lehrtätigkeit an der Münchener Hochschule wieder aufnahm. Und auch der Nachlaß Schönwerths enthält keinen Hinweis, der darauf schließen ließe, daß es je zu näherer Bekanntschaft oder gar zu freundschaftlichen Beziehungen der beiden Oberpfälzer in München gekommen wäre. Obgleich Schönwerths Urteil über seinen Landsmann wenigstens teilweise von der damals weitverbreiteten allgemeinen Wertschätzung Schmellers beeinflußt sein dürfte, hat es für uns dennoch ganz besondere Bedeutung, denn es stammt von einem Manne, der selbst als oberpfälzischer Volkskundler und Sprachforscher über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt war und hohes Ansehen genoß. Vor allem aber: Schönwerth beurteilte die beiden Hauptwerke Schmellers, die -Mundartgrammatik- und das -Bayerische Wörterbuche, aus der Sicht der oberpfälzischen Mundartforschung - und das keineswegs unkritisch. Dieser oberpfälzische Blickwinkel ist es auch, der uns besonders interessant erscheint und der deshalb bei der folgenden Darstellung der Persönlichkeit und der wissenschaftlichen Leistung Schmellers immer wieder beachtet werden soll.

Daß Johann Andreas Schmeller, am 6. August 1785 geboren, »von Vater- und Mutterseite her aus echtem oberpfälzischen Blut« stammt, ist vor allem von Autoren aus der Oberpfalz stets betont worden. Als 16-jähriger Schüler des heutigen Wilhelmsgymnasiums in München bemerkt er dazu in seinem Tagebuch (25.7.1801): »Ich wurde zu Türschenreut einem Städchen der obern Pfalz gebohren.« Aber schon kurze Zeit nach der Geburt ihres ›Andrel‹ verließen die Eltern ihre angestammte Heimat - »aus Überdruse an Kabalen (denn auch auf dem Lande giebt es Kabalenschmieden)« - und siedelten sich in Rinnberg an, einem kleinen oberbayerischen Dorf nahe Pfaffenhofen an der Ilm: »Dies war auch der Tummelplatz meiner Kinderjahre, denn bei dieser Wanderung war ich erst anderthalb Jahre alt.« Zwei Jahrzehnte später - der ›Rou n Andrel‹ (Ruten Andrel), wie ihn die Dorfbewohner nannten, hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich - beschäftigte ihn im Tagebuch noch einmal seine Herkunft. Er notiert Namen, Geburtsdaten und -orte seiner oberpfälzischen Vorfahren und schreibt über sich und seine Familie (1.11.1823): »Mein Vater hatte sich in Türsehenreut nur kümmerlich, (6 Jahre mit Straßeneinschäufeln, dann später mit Körbe und Kretzen machen) fortgebracht. Der Unfall mit dem Adam Michael (einem Bruder Schmellers, der im frühen Kindesalter von einem Baum erschlagen wurde) und die Gefahr im nahen Weiher noch mehrere Kinder zu verlieren bestimmten ihn , nach dem Beyspiel Anderer ›ins Bayern‹ zu ziehen (...). Ich lag (es war vermuthlich nicht sehr warm) als ein 1½ jähriges Kind und noch dazu mit den falschen Blattern behaftet in einem Bette auf dem Wagen. (...) In Regensburg hatte der Vater nicht wenig Lust sich auf die Donau zu setzen, und mich zum Ungarn zu machen. Der Wasserscheu der zärtlichem Mutter hab ichs zu danken, daß ich ein Bayer geblieben bin.« Hat Schmeller hier bewußt den ›Bayern‹ vor den Oberpfälzer gestellt oder schließt ihm der ›Bayern‹- anders als so manchem Oberpfälzer im vergangenen Jahrhundert - beide ein?

Daß ihm das oberbayerische Rinnberg zur eigentlichen Heimat geworden ist, wird an keiner Stelle des Tagebuches deutlicher als da, wo er seine Heimkehr nach langen Jahren in der Fremde beschreibt (12.1.1814): »Alles schien mir bedeutungsvoll ein seltnes himlisches Fest zu feiern. Am steilen Pfad (...), wo ich beim Scheiden vor 10 Jahren im tiefsten Wemuthgefühl den von der Mutter mitgegebenen Eierkuchen gegessen - stand ich wieder still. Die Schweiz und Spanien und die Schweiz (...) lagen zwischen Damals und Jetzt. Ich gieng nach Rinnberg heim, und statt in Ried oder Pfaffenhofen war ich in Tarragona, Madrid und Basel gewesen! - O unbeschreibbare Gefühle! - Ich sah hinab auf die wohlbekannten Hütten – noch standen sie alle wie einst.«

Gleichwohl stimmen die meisten zeitgenössischen Beschreibungen der Persönlichkeit Schmellers mit der Ansicht Schönwerths überein, der in ihm »die ganze Eigenart des Oberpfälzers bis in die kleinsten Züge« wiedererkennen will: Zähigkeit, Ausdauer und vor allem Bescheidenheit. Wer sich in Schmellers Tagebücher hineinvertieft, dem wird ein weiterer, noch auffallenderer Wesenszug deutlich: Schmellers oft gerühmte Bescheidenheit entspringt einer Scheu, ja einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber allen ‹Höhergestellten›, allen durch Reichtum und Geburt Bevorzugten. Seine ärmliche Herkunft hat er zeitlebens als Makel empfunden, auch wenn er sich andererseits stets zu ihr bekannt hat. »Wer von Jugend auf sorgen mußte, ob er reine unzerrißne Hosen, Strümpfe, Kleider habe, wie kann der unbefangenen Abstand in Gesellschaft lernen? Wer von Jugend auf in ärmlichen, drückenden, wol gar in undecent geachteten Verhältnissen gelebt, woher ihm unbefangene Redseligkeit im Kreise behaglicher, vornehm erzogener Menschen! (...) O das Verdienst und das Verbrechen, seines Vaters Sohn zu sein! «, vermerkt er am 13.9.1813. Bezeichnend sind auch die folgenden Verse des fast 60-Jährigen:

»Er bleibt des Kürbenzeuners Sohn,
Er tische nun mit Hochgebornen,
Sey Bruder Du mit Auserkornen
Zu stehen vor des Königs Thron.
Mit Hohen hoch und vornehm seyn
Vergessen in des Saales Mitte
Der armen väterlichen Hütte
Er kann es nicht, er bleibt gemein.
Vertrauter mit des Lebens Last
Und mit der Vielen Kümmernissen ,
Als mit der Wen gen Hochgenüssen ,
Ist er im Saal der stumme Gast.«

Und wenn Schmeller in seinem ›Wörterbuch‹ behauptet, daß der Oberpfälzer oft als ein Mensch charakterisiert werde, der »mit mistrauischem Blick in sich selbst zurückgezogen (...) und so viel als möglich nur für sich selbst und die nächsten Seinigen« lebe, - hat er damit nicht vielleicht einen oberpfälzischen Wesenszug seiner eigenen Persönlichkeit angedeutet?

Schon in seinen Rinnberger Kindertagen findet der begabte Bub nur wenig Freude an der harten bäuerlichen Arbeit. Damals, so erinnert sich der 16-jährige Gymnasialschüler in seinem Tagebuch (26.7.1801), »zeichnete ich mich nach dem Zeugnisse meiner Eltern, schon durch besondere Denkart, und Empfänglichkeit vor meinen Nebenkammeraden aus. (...) Ich wollte schlechterdings studieren. «Gegen den Willen der bescheidenen Eltern, von diesen aber dann doch nach Kräften unterstützt, setzt er den Besuch des Gymnasiums durch. Geistlicher sollte er wenigstens werden, wenn es nach dem Vater gegangen wäre. Unter dem Einfluß des Münchener Gymnasialrektors Cajetan Weiller wird er jedoch zum Anhänger der Aufklärung und der Reformpädagogik Pestalozzis. Er will Lehrer werden: »Welches Geschäft ist edler als Menschenerziehung? - Ja Erziehung sei von nun an der Hauptstandpunkt, auf den ich hinarbeiten soll, ja Erzieher will ich werden sei s dann im Priester- oder Schulmeisterkleide.« (15.5.1802)

Nach Beendigung der Schulzeit wollte Schmeller aber doch nicht mehr ›auf geistlich‹ studieren. Unschlüssig, welches Studium er nun einschlagen sollte, und wohl auch aus Mangel an finanziellen Mitteln, zog er sich nach Rimberg zurück und verfaßte hier die sprachpädagogische Abhandlung ›Über Schrift und Schriftunterricht. Ein ABC-Büchlein in die Hände Lehrender. Von Habernut. 1803‹. Aus Verärgerung darüber, daß er für sein Erstlingswerk keinen Verleger fand, beschloß er 1804 kurzerhand, in die Schweiz zu Pestalozzi zu reisen, um bei diesem eine Anstellung als Lehrer und Erzieher zu finden. Da ihn der zwar freundlich aufnahm, seinen Wunsch jedoch nicht erfüllen konnte, ließ er sich enttäuscht von einem Schweizer Regiment in spanischen Diensten anwerben. Zehn Jahre blieb er seiner bayerischen Heimat fern, wurde Korporal in Tarragona, Lehrer in Madrid und Basel und kehrte erst Ende 1813 wieder nach München zurück. Dennoch oder vielleicht gerade weil er in der Fremde weilte, wandte er sich verstärkt seinen Sprachstudien zu: »Mir ward menschlicher Besitzthümer keines, nicht Ahnen, nicht Gold, nicht Äcker - nur die Sprache. Die Worte sind mein Grund und Boden, der mir Brod, vielleicht gar Ehre ertragen soll«, vertraut er 1812 seinem Tagebuch an. Neben einigen Aufsätzen zur deutschen Sprache sind uns aus dieser Zeit auch Dramenentwürfe Schmellers überliefert, denen es jedoch an bühnenwirksamer Handlung fehlt. Im Blick auf seine späteren mundartwissenschaftlichen Arbeiten ist Schmellers 10-jähriger Aufenthalt in Spanien und in der Schweiz jedenfalls von ausschlaggebender Bedeutung gewesen. So schreibt er in der ›Mundartgrammatik‹ (Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt, 1821), in der er seine Erkenntnisse über die Laut- und Formenlehre der Mundarten dargelegt hat: »Fern vom engeren, ja zum Teil auch gemeinsamen deutschen Vaterlande habe ich es nur inniger schätzen und lieben gelernt. Seine Sprache (...) ward mein liebstes Denken und Forschen. Als ich nach zehn Jahren, im Winter 1813 wieder zurückkehrte ins engere Vaterland (...) war es mir eine angenehme Unterhaltung, alles, was mir in der Sprache des gemeinen Mannes auffiel, zu bemerken und zu sammeln.«

Schon in Madrid hatte Schmeller auch ein Probeabdruck aus dem ›Schweizerischen Idiotikon‹ beeindruckt, in dem der Verfasser, Franz Joseph Stalder, eine Anzahl von Mundarten zusammenfaßt, um seine Leser auf deren reichen Wortschatz hinzuweisen. In seiner Antrittsrede als Dozent an der Münchener Universität (1827) erinnert er sich dieser ersten Bekanntschaft mit Stalders Mundartwörterbuch: »Mit Überraschung sah ich oft, daß da, wo die Büchersprache starr und todt jeder Erklärung aus sich selbst widerstrebte, die, im Munde des Volkes für sich fortlebende gemeine Sprache die erhellendsten Aufschlüsse bot. Die herkömmliche vornehme Geringschätzung dieses Feldes der Spracherscheinung konnte mich von da an nicht mehr weiter abhalten, besonders aufmerksam auf dasselbe zu seyn. «Motivierend und klärend aber wirkte vor allem der erste Band von Jacob Grimms ›Deutscher Grammatik‹ (1819).

Drei Jahre vorher hatte Schmeller durch Vermittlung des Hofbibliothekars Joseph Scherer - Schmeller wird später sein Mitarbeiter an der kg1. Hof- und Staatsbibliothek werden - von der Akademie der Wissenschaften den Auftrag erhalten, ein baierisches Mundartwörterbuch zu erstellen, das spätere ›Bayerische Wörterbuche‹, sein vielgerühmtes, bis heute nicht übertroffenes Hauptwerk. Zwanzig Jahre sollte die Arbeit an diesem gewaltigen Unternehmen dauern. Erst 1837, dem Jahr der Drucklegung des vierten Bandes, konnte Schmeller befreit aufatmen: »Heute endlich hat sich der letzte (Korrekturbogen) zur letzten Correctur eingestellt. Mit nicht geringem Wohlbehagen fertige ich ihn ab und trage ihn (...) noch vor Abend auf die Post.« Und untertreibend fährt er fort: »Nicht ganz umsonst hab ich gelebt, wenngleich aus dem Gesetzgeber, Weltverbesserer, Dichter ect. der Jünglingsträume nur ein Wortklauber und Pedant geworden ist. - Und es ist doch auch nennenswerth, aus fast nichts oder wenigstens dem schlechtesten Stoffe etwas gemacht, und die Sprache des bayerischen Bauers in die Stube hochgelehrter Leute an der Nord- und Ostsee, ja in die eleganten Cabinete hoher Herrn gebracht zu haben.« (10.6.1837)

Ungetrübte Freude aber kann Schmeller selbst an diesem Tage nicht empfinden. Immer noch wird er von der selbstquälerischen Einbildung verfolgt, seiner ärmlichen Herkunft wegen nicht anerkannt zu sein: »Konnte der unter den Ärmsten seines Landes Geborne nichts anderes thun für seine erbelosen Genossen, so hat er doch das Einzige, was sie nebst der Luft vom Mutterlande besitzen, ihre Sprache, zu einigen Ehren gebracht. Allmählich muß doch eine Zeit kommen, wo man es für himmelschreyend halten wird, irgend jemand für schon vor der Geburt von Rechtswegen aller übrigen Güter des Lebens für enterbt zu halten.« (10.6. 1837)

Worin besteht nun aber die Einmaligkeit dieses Werkes? Schönwerth hat in seinem bereits genannten Aufsatz von 1870 das ›Bayerische Wörterbuch‹ mit einem ›Bildersaal‹ verglichen, dessen sprachwissenschaftlicher und sprachgeschichtlicher Wert durch umfangreiche Bemerkungen »über das Still-Leben des Volkes, über sein Recht und seine Sitte, über seine Gedankenwelt und seinen Haushalt, über den Boden, auf dem es wohnt und die Natur die es umgibt, über das Staats- und Gemeindewesen, über das was einst gewesen und nicht mehr ist oder in veränderter Gestalt sein Dasein fristet« noch gesteigert wird. Dennoch enthält Schönwerths Schmeller-Aufsatz auch einige kritische Äußerungen zum ›Wörterbuch‹, Äußerungen aus der Sicht des Oberpfälzer Volkskundlers und Mundartforschers: »Das Oberpfälzische, wenngleich die Mundart seiner ersten Heimat, findet bei Schmeller eine sparsamere Bedachtnahme als man erwarten sollte. In der zweiten Auflage des ›Wörterbuches‹ werden die mit einem Vokal anlautenden Wörter auf 182 Spalten behandelt. Faßt man dasjenige, was hier dem Oberpfälzischen gewidmet ist, zusammen, so findet es bequem auf einer einzigen Spalte Raum.« Auch sei die Lautschrift Schmellers bei der Fülle der oberpfälzischen Untermundarten zu wenig differenzierend. Sein Hinweis allerdings, das Oberpfälzische sei ein direkter Abkömmling des Gotischen und nicht, wie Schmeller meint, ein nordbaierischer Dialekt, ist schon von Zeitgenossen Schönwerths korrigiert worden.

Trotz aller ›oberpfälzischen‹ Einwände aber bleibt das ›Wörterbuch‹ für Schönwerth ein »Schatzhaus ungemeßnen Reichthums«. Ja er verteidigt es sogar gegen den leisen Vorwurf Jacob Grimms, Schmeller habe das Altbaierische zugunsten anderer, nichtbaierischer Mundarten vernachlässigt, mit dem Hinweis, das ›Wörterbuch‹ sei politisch (im Sinne der damaligen Grenzen des Königreiches Bayern) und nicht ethnographisch zu verstehen. Freilich zeigt auch Grimms Gesamturteil, daß er wie Schönwerth die Einmaligkeit des ›Wörterbuches‹ schon damals richtig erkannt hat: »Sein baierisches Wörterbuch ist das beste, das von irgend einem deutschen Dialekt besteht, ein Musterwerk, ausgezeichnet durch philologischen Scharfsinn wie durch reiche nach allen Seiten hinströmende Sacherläuterung, ein Muster für solche Arbeiten, von dem unwandelbaren Triebe seines emsigen, liebenden Geistes durchdrungen und belebt.« Dem ist auch aus heutiger Sicht kaum etwas hinzuzufügen.

Das ›Bayerische Wörterbuch‹ - Glossar, Mundartwörterbuch, Real- und Sachwörterbuch in einem - weist Schmeller als den Begründer der streng wissenschaftlichen Mundartforschung aus, als einen der ersten Gelehrten, dem die Sprache des Volkes so wertvoll ist wie das Schrifthochdeutsche. Wegweisend ist er vor allem auch in methodischer Hinsicht geworden. Schmeller schöpfte sein umfangreiches Material nicht nur aus altdeutschen Sprachdenkmälern und älteren Wörterbüchern, zu denen er als Kustos der Staatsbibliothek leicht Zugang hatte, sondern unternahm selbst ungezählte Wanderungen durch ganz Bayern, um dem Volk ›aufs Maul zu schauen‹. Mehrmals erließ er auch Aufrufe an Liebhaber und Freunde der Mundart in Tageszeitungen und Zeitschriften und gewann dadurch viele Gewährsleute. Da er erkannt hatte, daß die wirkliche Bedeutung eines Wortes nur aus der zusammenhängenden Rede zu erschließen ist, wurde ihm »das lebendige Wort aus dem Munde des Bauern, des Bürgers, Gesellen und Dienstboten« zur ersten und wichtigsten Quelle.

Als Johann Andreas Schmeller am 2. Juli 1852 allzufrüh an der Cholera stirbt - eine zweite Auflage des Wörterbuches war bereits geplant (1872/77 dann durch Karl Frommann) -, ist sein Name als Sprachwissenschaftler und Herausgeber altdeutscher Sprachdenkmäler (u. a. Muspilli , Heliand, Tatian, Ruodlieb , Carmina Burana) längst in ganz Deutschland bekannt und geschätzt. Mit Recht hat man ihn deshalb in vielen Würdigungen als den ›baierischen Grimm‹ bezeichnet, übrigens auch schon zu seinen Lebzeiten. Wer aber glaubt, dies hätte ihn mit besonderem Stolz erfüllt, der sieht sich - wieder einmal! - getäuscht: »Den baierischen Grimm nannte mich gerne der selige Hormayer. Ja wohl, in dem Sinne, in dem das baierische Meer (der Chiemsee) mit dem deutschen (der Nordsee) mag verglichen werden. Aber wozu das alberne Vergleichen? Es soll eben Jeder nur seyn was er seyn kann«, schreibt er noch 1849 in sein Tagebuch.
 


Literatur, Links:

Text aus:
Sigrid Färber (Hg.), Bedeutende Oberpfälzer. Regensburg: Pustet 1981 [mit freundlicher Genehmigung des Verlags].

  • Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft
  • Scheuerer, Franz Xaver: "So seh ich in der Sprache [...] dieser Dörfer erwürdige Überreste ...". Johann Andreas Schmeller als Philologe, in: Stiftland - Egerland - Kulturland Festschrift zum 37. Bayerischen Nordgautag in Tirschenreuth, hrsg. von Oberpfälzer Kulturbund, Tirschenreuth 2008, S. 111.118. [► pdf-download]
  • Ferstl, Christian: Wortklauben gestern und heute - Johann Andreas Schmeller und die nach ihm benannte Gesellschaft mit Sitz in Tirschenreuth, in: Stiftland - Egerland - Kulturland Festschrift zum 37. Bayerischen Nordgautag in Tirschenreuth, hrsg. von Oberpfälzer Kulturbund, Tirschenreuth 2008, S. 119-127. [► pdf-download]
  • Dr. Franz Xaver Scheuerer: Johann Andreas Schmeller - Ein Oberpfälzer als Mitbegründer der Germanistik. In: Festschrift zum 31. Bayerischen Nordgautag. (1996). S. 126-128. [► pdf-download]
  • Dr. med. Wolfgang Beer: Volksmedizinisches aus dem Bayerischen Wörterbuch des Johann Andreas Schmeller (1785 bis 1852). In: Festschrift zum 31. Bayerischen Nordgautag. (1996). S. 129-132. [► pdf-download]
  • Dr. Eberhard Dünninger: Johann Andreas Schmeller und seine Heimat in der nördlichen Oberpfalz. In: Festschrift zum 29. Bayerischen Nordgautag. (1992). S. 88-93. [► pdf-download]

Autor: Roland Röhrich (1981)


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