Schrems, Prof. Dr. Theobald

* 17. Februar 1893 in Mitterteich
† 15. November 1963 in Regensburg

Landkreis / kreisfr. Stadt:
LK Tirschenreuth
Zeitl. Einordnung:
20. Jahrhundert
Kategorie/n:
Musik und Tanz

Schlagwörter:
Chormusik, Dirigent, Domkapellmeister, Musik (Kirchen-...), Nordgaupreisträger

Prälat, Domkapellmeister von 1924 bis 63, Dozent; Begründer des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen; Nordgaupreisträger der Stadt Amberg Musik 1953 zur Anerkennung seiner Verdienste um die Rgensburger Domspatzen und die Förderung der musikalischen Entwicklung in der Oberpfalz.


Biographie:

Franz A. Stein
THEOBALD SCHREMS 1893-1963
Zum Musiker und Lehrer berufen


Die Regensburger Domspatzen bzw. den Regensburger Domchor bzw. eine Regensburger Domsingschule, kirchenmusikalisch-historisch ausgedrückt Schola cantorum Ratisponensis, gibt es schon lange. Man kann wahrscheinlich zwischen eintausend und siebenhundert Jahren wählen, ohne sich genau festzulegen und wird immer richtig liegen. Einen Vater der Regensburger Domspatzen gibt es aber erst seit 1924, als Theobald Schrems zum Domkapellmeister berufen wurde. In den Berichten über diese Berufung nach dem Tod des Domkapellmeisters Franz Xaver Engelhart liest man keinen Satz in offiziellem Amtsdeutsch, der einer solchen Sache angemessen gewesen wäre, sondern immer nur den Ausspruch des damaligen Weihbischofs Hierl, der beim Amtsantritt sagte: »Herr Domkapellmeister, sehen Sie zu, wie Sie zurechtkommen, geben können wir Ihnen nichts.« Um damit fertig zu werden, brauchte man schon einen Oberpfälzer Dickschädel, dem es als Leitsatz galt, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, weil sie dazu da sind.

Dieser Oberpfälzer, der im Riemann Musiklexikon vertreten ist als »deutscher Chordirigent«, geboren am 17. Februar 1893 zu Mitterteich in der Oberpfalz als Sohn einer Landwirtsfamilie, verstorben am 15. November 1963 zu Regensburg, war eben jener Theobald Schrems, von dem dort weiter knapp zu lesen ist: … studierte in Regensburg Theologie und privat bei J. Renner Musik. Weitere Musikstudien folgten 1925 bis 1929 in München und Berlin sowie an den Universitäten Berlin und Freiburg in der Schweiz, wo er mit einer Dissertation über >Die Geschichte des Gregorianischen Gesanges in den protestantischen Gottesdiensten< promovierte. Nach seelsorgerischer Tätigkeit war er 1920-24 Seminar-Musikpräfekt in Regensburg und wurde 1924 Domkapellmeister und Leiter des Musikgymnasiums der »Regensburger Domspatzen«.

Die Hunderte von Domspatzen und Domchorsänger, über die er den Taktstock, oft auch in seinem ureigensten Sinn als … stock schwang, wissen vieles über ihn und seine Arbeit zu berichten, viel Bewunderns- und Liebenswertes und auch anderes, wie es wahrscheinlich von Jedem in solcher Position, bei derartigen Aufgaben und Voraussetzungen und Begleiterscheinungen zu berichten gibt. Für Theobald Schrems waren die Kirchenmusik, und sie besonders in der von ihm so gepflegten »Regensburger Tradition«, und damit sein Chor, seine Domspatzen, als Priestermusiker Lebensinhalt und deshalb kann dieser Oberpfälzer in seiner Bedeutung und Größe nur an seinem Werk gemessen und mit diesem vorgestellt werden.

Theobald Schrems wird als »Vater der Domspatzen« apostrophiert. Dies gilt nur bedingt, wiewohl er ihnen ein Vater war und ihnen eine Bleibe verschafft hat, die ihresgleichen sucht. Wenn man mit »Domspatzen« »Domchor« gleichsetzt, dann hat Theobald Schrems zwar ein schweres Erbe antreten müssen, aber er hat auch etwas angetreten, was durch ihn als die »Regensburger Tradition« in Sachen Kirchenmusik in die Kirchenmusikgeschichte eingegangen ist.

Grundgelegt wurde diese »Regensburger Tradition« eben zu jener Zeit, als Bischof Sailer durch sein engagiertes Eintreten für hohe kirchliche Kunst und für die Musik in der Liturgie im besonderen einen Carl Proske in seinem Vorhaben bekräftigte, in Rom und in Italien die alten Meister, wie Palestrina, Lasso und Vittoria z. B., in seiner Sammlung »Musica divina« wieder der Praxis dienstbar zu machen. Ihre Werke wurden zusammen mit der wieder auflebenden Gregorianik als das Non plus Ultra der Kirchenmusik vorgestellt, was sich von da an auch in päpstlichen Erlassen in Sachen Kirchenmusik niederschlug. Diese latein-sprachige Kirchenmusik, Gregorianischer Choral und altklassische Mehrstimmigkeit, wurde mit wechselndem Erfolg, besonders unterstützt durch Franz Xaver Witt und seinen Cäcilienverein, von Regensburg aus zum Leitbild der gesamten katholischen Kirchenmusik.

Vielleicht ist es als Laune des Schicksals zu bezeichnen, daß dieses Ideal der Kirchenmusik, diese »Regensburger Tradition« ein Vorgänger im Amt mit dem gleichen Namen, Domkapellmeister Joseph Schrems, als erster in die Tat umgesetzt hat. Aus Warmensteinach in Oberfranken stammend, war dieser Joseph Schrems von 1839 bis 1871 Domkapellmeister und Leiter der Dompräbende, jener Institution, in der 24 Seminaristen für den Chordienst im Dom zur Verfügung standen. Er hatte die Instrumentalmusik im Dom zu Regensburg abgeschafft und es mit seiner Arbeit und dem Domchor in kürzester Zeit so weit gebracht, daß nach der Inthronisationsfeier für Bischof Senestrey im Mai 1858 in der Regensburger Presse zu lesen war: »Es waren herrlichste Stunden, die selbst auf die Großartiges gewöhnten Herzen der fremden Kirchenfürsten bleibenden Eindruck machten, als in dieser Vollendung nie gehörte Töne alter klassischer Kirchenmusik, wohleinstudiert durch den hochverdienten Kapellmeister Schrems, durch die mächtigen Hallen der Kathedrale rauschten, um der sakramentalen und kirchlichen Feierlichkeit die künstlerische Begleitung zu geben«, Das sind Worte, die hundert Jahre später nicht nur in den Feuilletonspalten der Zeitung hätten stehen können, sondern in aller Welt standen, denn diese Regensburger Tradition hatte der Domkapellmeister gleichen Namens, Theobald Schrems, gefestigt, ja zu einem Begriff gemacht.

Wie kein anderer unter allen Beteiligten seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts hat Theobald Schrems bis in das 2. Vatikanische Konzil hinein - mit seiner Schrift »Musik und Ethos«, die lateinisch übersetzt allen Konzilsvätern übergeben wurde - um diese Kirchenmusik und damit um die »Regensburger Tradition« gekämpft, und der Domchor hat dieses Erbe bis heute bewahrt.

Der Weg dahin war nicht leicht und es ist bezeichnend, daß der junge Priester und Musikpräfekt, der als weitgehend musikalischer Autodidakt aus diesem materiellen Nichts, vor das er gestellt worden war, eine Institution machte, die unter den gleichartigen in der ganzen Welt heute einen hervorragenden Namen hat. Er hatte nach seinem Amtsantritt in kürzester Zeit einen Chor zur Verfügung und entsprechend einstudiert, der bereits beim 400. Geburtstagsjubiläum für Giovanni Palestrina bei den Fachleuten Aufsehen bzw. besonderes Hinhören erregte. Theobald Schrems hatte dies wirklich aus eigenen Kräften geschafft, denn er hatte einen - oder keinen – Domchor übernehmen müssen, der vor allem durch äußere Umstände der Nachkriegszeit arg gefährdet war, und er selbst hatte sich das, was dazu notwendig war, mehr oder weniger selbst oder zumindest aus eigenem Antrieb und im Selbststudium angeeignet. Viele musikalische Impulse, vor allem eine Förderung seiner musikalischen Begabung und Interessen hatte der junge Theologiestudent während der Ferien in den seinem Heimatort nahegelegenen böhmischen Bädern Karlsbad und Marienbad erhalten. Seine eigentlichen musikalischen Studien, Musikwissenschaft und Musikpädagogik, absolvierte der Domkapellmeister eigentlich erst während seiner Dienstzeit, von 1925 an in Berlin und in Freiburg in der Schweiz, und niemand weiß davon zu berichten, daß der Regensburger kirchenmusikalische Domdienst darunter gelitten habe, im Gegenteil, die Institution Domchor und Dompräbende haben davon profitiert. Einmal konnte Theobald Schrems seine Erfahrung als Seminarpräfekt anwenden und zum anderen lernte er in Berlin Carl Thiel kennen, der ein ganz großer Verfechter der Schulmusikerziehung in Verbindung mit Kirchenmusik war. Aus dieser Bekanntschaft, die nach der Übernahme der Leitung der Regensburger Kirchenmusikschule durch Carl Thiel zu einer Freundschaft geworden war, resultiert eigentlich das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen.

Schrems, der kluge und ebenso zielstrebige wie unbeirrbare Oberpfälzer, hatte schon bei der Übernahme des Kapellmeisteramtes erkannt, was not tat: Der Knabenchor mußte verstärkt und der Männerchor mit jungen Kräften ergänzt werden und die Institution brauchte ein neues Heim. Die Erkenntnis, daß ein Mann allein das nicht schaffen konnte, weckte seine Bemühungen, Interessierte zu gewinnen und einzusetzen. Der Verein »Freunde des Regensburger Domchores« wurde 1925 gegründet und ist bis heute wesentlicher und tatkräftiger Mitträger der Regensburger Domspatzen. Wie oben schon angekündigt, ist das Bild des Oberpfälzer Musikers Theobald Schrems gleichzeitig eine Reportage des Werdeganges des Regensburger Domchores oder besser der Regensburger Domspatzen, deren Namen inzwischen sogar die bischöfliche Brauerei benutzt für ihr Domspatz-Bier .

Natürlich können die »Spatzen«, junge und alte, Wunderdinge von dem Maestro im Prälatentalar berichten, von seiner Liebenswürdigkeit und von seiner musikalischen Konsequenz, um nicht Hartnäckigkeit zu sagen, aber auch von seinen Temperamentsausbrüchen und seinen von daher bedingten Äußerungen, die in der Lautstärke gar nicht seinen Forderungen von Pianosingen entsprachen und in der Ausdrucksweise auch nicht unbedingt die edle Übereinstimmung von Wort und Ton des von ihm so geschätzten Palestrina hatten. Aber er war halt ein Vollblutmusiker und für die gelten hin und wieder andere Gesetze.

Wenn man die Grundsätze von Theobald Schrems ansieht, nach denen er das Musikleben und besonders die Musikerziehung ausgerichtet wissen wollte, dann war er einer der Idealisten, die es in jedem Jahrhundert gegeben hat und die in ihrem Idealismus jeweils nur teilweise Erfolg verzeichnen konnten, aber in der Kunstszene so notwendig und unentbehrlich sind wie das tägliche Brot.

In der Regensburger Mittelbayerischen Zeitung vom 26. Januar 1955 war unter der Rubrik »Fachleute haben das Wort« zu lesen:
»Alle Musik und Musikerziehung muß wiederum vom Gesang ausgehen. Das Instrument, besonders das Klavier, soll man erst erlernen, wenn man durch Singen innerlich musikalisch geworden ist.
Nur der Gesang ist das einzige und wirkliche Volksinstrument. In der Schule entscheidet sich das Schicksal der deutschen Musik. Entstehen muß wieder der alte Kantor und die alte Singschule.«

Das sind nur ein paar Sentenzen, die der Domkapellmeister Schrems dort verkündet hat, ausgehend von dem Musikerziehungsplan Hermann Kretzschmars, der heute, 1981, immer noch besser ist als alle neuen Musikerziehungsreformen. Die musikerzieherische Idee von Theobald Schrems hat sich bestätigt. Seine Domspatzen, sein Musikgymnasium sind der Beweis für die Richtigkeit seiner Musikerziehungsgrundsätze.

Ich habe eingangs gesagt, man könne Theobald Schrems, den Oberpfälzer Musiker, nur an seinem Werk darstellen. Deshalb noch einige Fakten des Regensburger Domchors unter Theobald Schrems, denn mit ihm ist der Regensburger Domchor selbst zu einer bedeutenden Oberpfälzer Einrichtung geworden, auch wenn Nicht-Oberpfälzer oder gar Nicht-Bayern darin singen. Diese Nicht- ... haben unter Theobald Schrems erlebt, was ein echter Oberpfälzer ist.

Die chorische Tätigkeit beim liturgischen Dienst im Hohen Dom zu Regensburg war und blieb immer die vornehmste Aufgabe des Chors und seines Leiters. Theobald Schrems war aber ein zu aufgeschlossener und umfassender Musiker, so daß er den Dom-Chor auch bald zu außer kirchlichen »Eins ätzen« führte. 1929 wirkte der Chor bereits bei Aufführungen des »Messias« von Händel und des »Elias« von Mendelssohn mit; das Knabenterzett »Hebe deine Augen auf« war zu Schrems Zeiten immer eine »Bestseller«-Zugabe der Domspatzen. Zu dieser Zeit erlebte das Regensburger Stadttheater, und nicht nur dieses sondern auch München und Augsburg, von Buben gesungen Humperdincks »Hänsel und Gretel«, was dann zur Tradition für lange Jahre wurde.

Möglich war das alles nur, weil Theobald Schrems nicht nur die Dompräbende, in der die Gymnasiasten zur Chorprobe zusammenkamen, mobilisiert hatte, sondern weil er auch ein Musikgymnasium eingerichtet hatte, in dem weitgehend nach den idealen Musikerziehungsplänen die Ausbildung der Buben bis zum Abitur erfolgen konnte.

Aber vor diesem Musikgymnasium, das erst 1954 eingeweiht werden konnte, sind in den Annalen der Domspatzen noch große Taten verzeichnet, die das Verdienst des Domkapellmeisters noch unterstreichen. 1931 begann man mit Konzertreisen. 1933 war man erstmals mit Papstaudienz in Rom und im gleichen Jahr zu Schallplattenaufnahmen in Berlin. Reisen nach Holland, Polen, ja Südamerika mit Argentinien, Brasilien und Uruguay folgten 1937, anschließend nach dem Balkan, nach Frankreich und Portugal. Diese Völkerverständigung musikalischer Art wurde nach dem Krieg mit Reisen nach Italien, Frankreich und Holland fortgesetzt.

In all dieser Zeit blieb sich der Domkapellmeister Theobald Schrems - inzwischen zum Apostolischen Protonotar avanciert - in seiner Auffassung von Musik im allgemeinen und Kirchenmusik im besonderen treu und trat allen suspekten Neuerungen, soweit sie der Grundlage abendländischer Musiktradition entbehrten, mit großem Vorbehalt wenn nicht mit Ablehnung gegenüber.

In der oben schon genannten Schrift »Musik und Ethos« hat Theobald Schrems gewissermaßen die Summe seiner kirchenmusikalischen Erkenntnisse zusammengefaßt. Den der Schrift aufgedruckten drei Wortpaaren, »Musik und Ethos« - »Kult und Kultur« - »Singen und Seelsorge«, müßte noch ein viertes hinzugefügt werden, das sein größtes war und in dieser Schrift auch zum Ausdruck kommt: »Kirche und Erziehung«, Erziehung mit der und durch die Musik. Das Regensburger »Dornspatzengymnasium« ist das bleibende Zeugnis dieser seiner Lebensaufgabe.


Literatur, Links:

  • Sigfrid Färber, Bedeutende Oberpfälzer. Regensburg: Pustet 1981
  • DO 53: 50 Domkapellmeister Rbg
  • Lebensbilder aus der Geschichte des Bistums Regensburg (1989)
  • Franz Johann Löffler: Theobald Schrems zum Gedenken. In Nordgau-Festschrift 28 (1990). S. 69-71. [► pdf-download]

Autor: OKB


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