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Ein "reformatorisches Passionsspiel"


                                                                                                               Bild: Thomas Voekler, Lizenz: 
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Die „Amberger Passion“ des Hans Sachs

 Am 12. April 1558 schloss der berühmte Meister des Knittelverses aus Nürnberg, der dichtende Schuhmacher Hans Sachs (1494-1576), seine dramatische Bearbeitung der Leidensgeschichte Jesu Christi ab. Eine Niederschrift findet sich im 12. Spruchbuch, aufbewahrt im Stadtarchiv Zwickau. Zwei Jahre später, 1560, erfolgte durch den Amberger Buchdrucker Wolf Guldenmund die Drucklegung der „gantz Passion“. Gewidmet war das Stück, das „vor einer Christlichen Gemain zu spilen“ war, dem Rat der oberpfälzischen Stadt. Von dieser Ausgabe lassen sich weltweit nur noch drei Exemplare nachweisen, eines davon birgt die Provinzialbibliothek Amberg. Über die Beziehungen des Nürnberger Poeten zur kurpfälzischen Residenzstadt schweigen die Quellen. Immerhin ist nicht auszuschließen, dass Hans Sachs, der nach eingehender Lektüre lutherischer Schriften engagiert Partei für die neue Lehre ergriffen hatte, auch die Hinwendung der Stadt Amberg zum evangelischen Bekenntnis (1538) mit Sympathie beobachtete.

Ein „reformatorisches Passionsspiel“

Dass der Protestant Hans Sachs überhaupt die Leidensgeschichte dramatisierte, erscheint durchaus bemerkenswert. Bekanntlich übte Martin Luther an der spätmittelalterlichen Passionsfrömmigkeit heftige Kritik. In seinem „Sermon von der Betrachtung des heyligen leydens Christi“ (1519) verwarf er insbesondere auch die theatralische Präsentation des Leidens und Sterbens Jesu Christi: Die aufwendig gestalteten, zuvorderst die Schaulust und das Sensationsbedürfnis der Menge befriedigende Masseninszenierungen mit ihren bis zum Exzess gesteigerten Grausamkeiten brachten nicht die „rechte frucht des leydens Christi“. Demgegenüber forderte er zu einer verinnerlichten Betrachtung der Leidensgeschichte auf. Luthers ablehnende Haltung führte in protestantischen Gebieten vielerorts dazu, dass die Aufführung von Passionsspielen von den städtischen und kirchlichen Autoritäten verboten wurde, doch brach die geistliche Spieltradition, insbesondere im süddeutschen Raum (z.B. in Augsburg und Kaufbeuren), nicht gänzlich ab.

In knapp 1600 Versen behandelt Hans Sachs in seiner „Passion“ die biblischen Ereignisse von der Beratung der Schriftgelehrten und dem Verrat des Judas, dem Letzten Abendmahl und der Gefangennahme am Ölberg, über die Verhandlungen vor dem Hohen Rat, die Verleugnung des Petrus, die Verhöre vor Pilatus und Herodes, über Verurteilung, Kreuzweg, Kreuzigung und Tod bis zur Grablegung. Dabei übernimmt das Spiel wichtige Impulse der reformatorischen Erneuerung. Dies betrifft den weitgehenden Verzicht auf alle in der Tradition üblichen, oft grausamen oder grotesk-komischen Erweiterungen, die Zurücknahme der Marienfrömmigkeit und vor allem die strenge Textorientierung an den Worten der vier Evangelisten, wie Sachs im Titel ausdrücklich betont. In dieser ausgeprägten Konzentration auf den biblischen Bericht, die dem Grundsatz „sola scriptura“ zu folgen scheint, gibt sich der Nürnberger Poet einmal mehr als leidenschaftlicher Anhänger Luthers zu erkennen.

Zur Rezeption der „Amberger Passion“

Merkwürdig erscheint die Rezeptionsgeschichte des Amberger Spiels. Gerade dieser reformatorische Text besaß über 200 Jahre hinweg, bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, eine große Ausstrahlungskraft für katholische Spielgemeinschaften und wirkte entscheidend auf die Passionsspieltradition im bairisch-tirolischen Raum ein. Als direkte Vorlage diente er einem Passionsspiel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das im Benediktinerstift Admont in der Steiermark überliefert und aller Wahrscheinlichkeit auch dort entstanden ist. Spuren der Sachs-Passion finden sich unter anderem auch noch im 18. Jahrhundert in den Spielen von Kemnath (1731), Sillian (1741) und Altomünster (1753). Gefördert wurde die Rezeption des Hans Sachs mit Sicherheit durch die imponierende Verbreitung im Buchdruck: So gelangte „Der gantz Passion“ mehr als 4000 Mal im Amberger Einzeldruck von 1560 sowie im III. Band der sog. Nürnberger Folioausgabe (in den Auflagen von 1561, 1577, 1588) und der Kemptener Quartausgabe (1614) an die Öffentlichkeit.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die „Amberger Passion“ an verschiedenen Orten wiederentdeckt und in verschiedener Form wiederaufgeführt worden. In einer modernisierten Fassung, übertragen von Walter Schricker und Georg Leingärtner (1955), wurde das frühneuzeitliche Drama dem Typ des christlichen Laien- und Gemeindespiels angenähert. Auf diese Bearbeitung stützte sich eine Produktion, welche ein Ensemble der „tangente“, der „Christlichen Kammerspiele Göttingen“, in der Fastenzeit 1956 in der Göttinger Jakobikirche präsentierte. Nach dieser Vorlage brachte auch eine Spielgruppe des Max-Reger-Gymnasiums die „Passion“ des Hans Sachs 1984 in der Paulanerkirche in Amberg, als Beitrag zur 950-Jahr-Feier der Stadt, auf die Bühne; die konzentrierte Inszenierung, mit weitgehendem Verzicht auf Requisiten und Ausstattung, führte in überzeugender Weise auf den Geist der Entstehungszeit zurück. Als Lesespiel wurde „Der gantz Passion“ von einer Theatergruppe zur Osterzeit 1985 und 1987 in der Trinitatis-Kirche in Berlin-Charlottenburg vorgetragen; Ziel war nicht die spielhafte Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens, sondern allein die sprachliche Vermittlung des Evangeliums. Und schließlich kommt das geistliche Spiel von Hans Sachs seit 1984, jeweils am Karfreitag um 15 Uhr, der Todesstunde Jesu Christi, im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim zur Aufführung – eindrucksvoll in Szene gesetzt durch die Theatergruppe „Marktbergel“ und die „Bad Windsheimer Sänger und Spielleut“. Bei dieser Freilichtaufführung wird das Publikum – gemäß mittelalterlicher Tradition – als „Volk“ in das Spiel miteinbezogen. Die Zuschauer sind, zusammen mit den Darstellern, Teil der Gemeinde, die den Leidensweg des Erlösers bis nach Golgatha mitgeht. So wird ein geistliches Spiel, das vor über 450 Jahren entstanden ist, bis in die heutige Zeit mit immer neuem Leben erfüllt.

Manfred Knedlik


Literatur:

M. Knedlik, Das Passionsspiel des Hans Sachs. Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung in der Provinzialbibliothek Amberg (Schätze der Provinzialbibliothek), Amberg 2008.

M. Knedlik, „... zu gedechtnus des Herren Christi Passion“. Geistliches Spiel im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Amberg, in: 1034 – Amberg 975 Jahre – 2009. Eine Stadt im Zentrum des historischen Nordgaus. Festschrift zum 38. Bayerischen Nordgautag in Amberg, Regensburg 2009, S. 183-188. 

 

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