Ernst Kutzer

Ernst Kutzer

 

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Nachruf von Maximilian Schnurrer | Der Neue Tag vom 23.10.2008 | Netzcode: 1579900
Besorgt, neugierig - und voller Bescheidenheit
Zum Tode von Ernst Kutzer

Waldsassen. "Was einem leicht zufällt, bleibt an der Oberfläche haften und verliert sich ebenso rasch, wie es zugewonnen ist." Diese Warnung aus den "Gedanken zur elementaren Musikerziehung in der Schule" mag in das Leben des in der vergangenen Woche verstorbenen Komponisten und Pädagogen Ernst Kutzer tief geritzt haben, und dies über seinen Beruf und seine Berufung hinaus. Ernst Kutzer war ein Mann, der sein weites Betätigungsfeld durch intensives Be- und und Verarbeiten zusammenzuklammern im Stande war.

Kutzer war von Gegensatzpaaren gefordert: In München geboren, einjährig in die Elternheimat im oberpfälzischen Stiftland, in Armut hier aufgewachsen und so auch geprägt, von Musik besessen, zunächst kanalisiert in der Geigenausbildung als Neunjähriger bei einem passionierten Bärnauer Ollround-Musikausbilder mit strenger Zucht, nach sechs-jährigem Besuch mit 19 die Lehrerbildungsanstalt in Amberg als einer zum damaligen Lehrerideal des Alleskönners (einschließlich musikalischen Befähigungen) Hinerzogene verlassen, vor der Entscheidung Komponist oder Lehrer zu sein weggerissen zu Arbeitsdienst mit freizeitlicher Hinwendung zu allem, was nach Musik roch, von der Oper bis zur leichten Unterhaltungsmusik, deren Kutzersche Prägung in Münchner Tanzlokalen ihre Verbreitung fand, dann Kriegsteilnahme mit amerikanischer Gefangenschaft samt einem Auftritt mit der Sängerin Elisabeth Schwarzkopf, 1945 berufsentscheidungsberaubt Rückkehr ins heimatliche Thanhausen, von der Komposition nicht lassend dem Lehrerberuf sich zuwendend mit äußerst musiklastigem Unterricht, der die Flüchtlingskinder im Stiftland mit den Einheimischen zusammenzuführen half, daneben Musikstudium an der Münchner Musikhochschule im Hauptfach Kath. Kirchenmusik, in Komposition bei seinem lebenslang geschätzten Lehrer Joseph Haas, mit erfolgreichem Abschluss 1949.

Das Antipodische setzte sich während seiner Lehrertätigkeit in Mitterteich fort in der gleichzeitigen Musikalischen Leitung des heute noch renommierten Waldsassener Kammermusikkreises (WKK) von 1949 bis 1954, wo er ein eigenes hervorragendes WKK-Orchester aus einheimischen, böhmischen bis ostdeutschen in der Region kriegsbedingt gelandeten Musikern/-innen leitete, das auch seine Kompositionen aufführte, und wo er damals hochkarätige Solisten und Ensembles verpflichten konnte wie Elly Ney oder das Koeckert-Quartett.

Schulpädagogisch war er ein gefragter Fachmann in der musikalischen Lehrerfortbildung, der vor allem bestrebt war, den eigentlichen improvisatorischen Impetus des Orffschen Schulwerks zu vermitteln. (Das Improvisieren in manchen Stilen gehörte ohnehin zu seinen bewunderten Stärken.)

Besorgt um sein kompositorisches Werk, es mit einem größeren kundigen Publikum zu verbinden, wechselte Kutzer 1966 mit seiner Frau Thea - sie mit künstlerischer Reife in Klavier ausgestattet - und seinen hausmusikerfahreren Kindern - zwei Töchter und ein Sohn - nach Pentling bei Regensburg mit Schuldienst in Bad Abbach, wo er 1980 sein Schullehrerdasein mit der Pensionierung beschloss. Sein Komponieren geriet dann in die Reifephase mit einer Fülle von Werken. Ein Lehrauftrag in Harmonielehre an der Regensburger Kirchenmusikschule ließ das Lehrerdasein nicht abreissen.

Ernst Kutzer spannte auch musikschöpferisch den weiten Bogen: Da war der Jazz, z. B. seine "24 Variationen über einen eigenen Blues", und auf der anderen Seite die Dodekaphonie, scheinbare Feuer und Wasser, und da war die Volksmusik, insbesondere seiner stiftländischen Heimat, und die auch aus ihr schöpfenden zyklischen Werke einschl. der Kammermusik, sein Liedschaffen, szenische Stücke oder auch z. B. eine Sonatine für Akkordeon solo. Sein Werkverzeichnis (erhältlich über die Musikschule des Landkreises Tirschenreuth) informiert über diese kompositorische Breite, die vor allem aus seiner Neugierde musikalischen Ausdrucksformen und Stilen gegenüber zu erklären ist - das seinerzeitige vielfacettige Lehrerbild lässt grüßen.

Eberhard Otto, der verstorbene Weidener Musikschuldirektor, hob Kutzers "ausgeprägte Handschrift" hervor, die zwar seine "Demut vor dem Erbe der Vergangenheit sichtbar werden lässt, dennoch von einem unmissverständlichen Distanzierungswillen gegenüber allem Epigonalen kündet". Seine Liebe zur Heimat und ihren Bewohnern lässt Kompositionen entstehen wie "Bayrisch durchs Jahr", die Oper "D'Woidrumpl", Blasmusik- oder Chorstücke bis Messen, die er diesen geliebten Menschen quasi widmete; oft jedoch wurden diese Stücke beim Einstudieren und Hören in Erwartung kommerzieller Volkstümlichkeit als schwer oder schwer verständlich empfunden, was ihn durchaus schmerzte.

Kutzer konnte und wollte aus seinem künstlerischen Anspruch auch bei Werken dieser Art nicht heraus - es wäre ein Leichtes gewesen -, er ließ sich nicht zum Schreiber nach Massengeschmack verführen, Gott sei Dank!. Er gehörte zur Komponistenelite, war Mitglied im Deutschen Tonkünstlerverband, in der Reihe "Komponisten in Bayern" wurde ihm ein Buchband gewidmet, der Rundfunk zeichnete auf, und es gibt eine Anzahl von Schallplatten- und anderen Tonträgeraufnahmen, von seinen vielen Auszeichnungen (u. a. das Bundesverdienstkreuz am Bande) ganz abgesehen.

Die musikpädagogische Heimatverbindung hielt er seit fast 20 Jahren mit der Musikschule des Landkreises Tirschenreuth. Seine Besuche waren nicht nur mit interessanten Gesprächen verbunden; er beglückte diese Landkreiseinrichtung auch immer mit Notengeschenken seiner Werke. Ihm gewidmete Musikschulkonzerte zu seinen großen Geburtstagen, zuletzt zum neunzigsten im Harmoniesaal in Waldsassen mit Verleihung der Johann-Andreas-Schmeller-Plakette in Gold, gaben den Musikschul-Konzertreihen besonderen Glanz und werden sicherlich weiter bereichern.

Kutzer war ein bescheidener Mensch. Abgehobenes war ihm fremd. Mit seinen ehemaligen Volksschülern in Stein und Mitterteich tauschte er sich erst im Frühjahr dieses Jahres aus, sprudelte aus gemeinsamen Zeiten und ließ sich über Veränderungen aus dem ihm letztbekannten Schülerumfeld berichten. Die ihm eigene Zurückgenommenheit bezüglich der Vermarktung seiner Kompositionen - ein Großteil wurde bei Böhm & Sohn verlegt - wird vielleicht nun nach seinem Tod die erforderliche Rückung erfahren können. - Ein großer Oberpfälzer, der deutschlandweit ausstrahlt, ein angenehmer und fleißiger Mensch hat sich verabschiedet. Es tut uns ant nach ihm!


Komponist Ernst Kutzer ist gestorben
Offenheit für moderne Strömungen und die Heimat prägten sein Werk.
Von Gerhard Dietel, MZ 17.10.2008

Seinen 90. Geburtstag konnte er im März dieses Jahres noch in großem Rahmen feiern: In Bad Abbach, seinem letzten Wirkungsort als Pädagogen, richtete man dem Komponisten Ernst Kutzer eine Feier aus, bei der sein Wirken und Schaffen in Wort und Ton gewürdigt wurde. Geistig noch ganz rege saß Ernst Kutzer in der ersten Reihe, zwar durch einen Unfall in den Rollstuhl gezwungen, doch guten Mutes und voller Freude über die ihm widerfahrende Ehre. Nun, ein gutes halbes Jahr danach, hat ihn der Tod heimgeholt in einem Alter, das mehr als biblisch genannt werden kann. „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt sind es achtzig Jahre“: von mehr ist im Psalm 90 des Alten Testaments keine Rede, nur, in der Lutherschen Übersetzung, von der mit solchem Leben verbundenen „Mühe und Arbeit“.

Spuren im Kulturleben
Arbeit genug gab es in Ernst Kutzers Leben, das den Beruf als Pädagoge mit der Neigung zur Musik verband. Damit folgte er noch jener aus dem 19.Jahrhundert überkommenen Vorstellung eines auf dem Lande tätigen Lehrers, der zugleich die Funktion eines Kantors übernehmen konnte. Ganz in diesem Sinne übte er seine Tätigkeit aus, die ihn von Hohenthan und Mitterteich schließlich bis nach Bad Abbach führte. An all diesen Orten hinterließ er seine Spuren im örtlichen Kulturleben, ob als Chorleiter, als Organisator oder als Dirigent von Konzerten.

Oper „D’Woidrumpl“
Seiner Oberpfälzer Heimat blieb der zwar in München Geborene, doch in Thanhausen nahe der tschechischen Grenze Aufgewachsene stets treu. Die hier empfangenen frühen musikalischen Eindrücke blieben im späteren Schaffen bestimmend, gipfelnd in der Oper „D’Woidrumpl“ von 1993. Aber diesen Zug von Bodenständigkeit verband Ernst Kutzer in seinem umfangreichen Oeuvre von Orchester-, Kammer- und Vokalmusik mit einem Blick in die Weite. Selbst zeitgenössischen Strömungen öffnete er sich, wenn er zeitweise zwölftönige Kompositionstechniken erprobte. Und mit seiner letzten Schöpfung von 2002 wandte er sich zum krönenden Abschluss seiner Werkreihe noch der Königsdisziplin des Streichquartetts zu.

An Anerkennung für Ernst Kutzers künstlerische Leistung fehlte es nicht, angefangen vom „Kulturpreis Ostbayern“ bis hin zum Bundesverdienstkreuz am Bande. Besonders freuen konnte er sich, als ihm vor zehn Jahren ein eigener Band in der Reihe „Komponisten in Bayern“ gewidmet wurde. Diese Würdigung war die Aufnahme in eine Art musikalischer Walhalla, wo sein Name nun für immer neben denen von Carl Orff, Werner Egk und Karl Amadeus Hartmann stehen wird.


Nachruf von Robert Birkner | Der Neue Tag vom 17.10.2008 | Netzcode: 1572787 
Von Volksliedern bis Kammermusik
Werk des Komponisten Ernst Kutzer spannt einen weiten Bogen - Im Alter von 90 Jahren verstorben

Thanhausen. Anfang Oktober wollte Ernst Kutzer mit seiner Frau Thea noch einmal Thanhausen besuchen, den Ort in dem er aufgewachsen ist und seine Kindheit verbracht hat - darauf hatte er sich schon riesig gefreut. Der Abstecher in die Heimat wird Ernst Kutzer verwehrt bleiben. In der Nacht auf Mittwoch verstarb der 90-Jährige an Nierenversagen.

Nach einem Oberschenkelhalsbruch kurz vor seinem 90. Geburtstag im März diesen Jahres, hatte sich Ernst Kutzer trotz Reha nicht wieder ganz erholen können. Er ließ es sich aber nicht nehmen, anlässlich eines großen Konzertes zu zum seinem Geburtstagskonzert, das die Kreismusikschule gestaltete, am 30. März nach Waldsassen zu kommen. Denn schließlich war er von 1949 bis 1954 musikalischer Leiter des Waldsassener Kammermusikkreises. Glanzvolle Höhepunkte bildeten damals die Aufführungen der Oratorien "Das Lebensbuch Gottes" sowie die eigene Kantate "Nacht des Heiles".

Musik von Kindesbeinen an
Geboren in München und aufgewachsen in Thanhausen hatte Ernst Kutzer schon von Kindesbeinen an mit der Musik zu tun. Seine Mutter, eine Sängerin, und sein Vater, Sänger und Mitbegründer eines Männerchors, gaben ihm die besten Voraussetzungen für eine musikalische Karriere mit auf den Weg. Seine Vorfahren, unter denen sich der Großvater des Sprachforschers Johann Andreas Schmeller befindet, waren seit Generationen im Landkreis Tirschenreuth ansässig. 1919 kommen die Eltern mit ihrem einjährigen Sohn nach Thanhausen. Die Volksmusik dieser Region sollte ihn zeit seines Lebens prägen. Zu seinen frühen musikalischen Eindrücken zählen nicht zuletzt die ab 1926 im Elternhaus stattfindenden Proben des Thanhausener Männerchors oder die umherziehenden Bettelmusikanten.

In der Lehrerbildungsanstalt in Amberg beginnt für Kutzer 1931 die Zeit einer umfassenden musikalischen Bildung. Anlässlich einer Faschingsveranstaltung im Schülerheim darf der 15-Jährige seine erste Komposition, einen Walzer für Streichorchester, vortragen. 1937 beendet Kutzer die Lehrerausbildung. Es folgen Jahre des Arbeits- und Militärdienstes. Er komponiert und arrangiert Stücke für Tanzkapellen und vertont dabei Texte von Fred Kolb, dem Neffen der Schriftstellerin Annette Kolb. Das früheste erhaltene Werk entstammt dieser Zusammenarbeit: ein langsamer Walzer, dessen Big-Band-Arrangement 1939 im Konzert-Cafe Luitpold uraufgeführt und vom damaligen Reichssender München übernommen wird.

Der Neuanfang nach dem Krieg ist gekennzeichnet durch die Aufnahme des Lehrerdienstes in Hohenthan und durch den Kompositionsunterricht bei Prof. v. Waltershausen in München. Bei Hausmusikabenden seines neuen Lehrers gelangen eigene Kompositionen zur Uraufführung. In dieser Zeit betätigt sich Kutzer auch als Volksliedsammler, indem er sich von dem 79-jährigen Simon Koller Lieder vorsingen lässt und diese erstmals aufzeichnet. Im Herbst 1948 wird Kutzer als Lehrer nach Mitterteich versetzt. Um sein früher begonnenes Musikstudium zu beenden, belegt er das Hauptfach Katholische Kirchenmusik, das auch die Kompositionslehre bei Prof. Joseph Haas einschließt. Nach dem Abschlussexamen übernimmt Kutzer 1949 die Leitung des "Waldsassener Kammermusikkreises". 1955 wird Kutzer zum Schulleiter in Stein bei Tirschenreuth ernannt. Anlässlich des 14. Bayerischen Nordgautages 1962 in Tirschenreuth findet die Uraufführung des Triptychons "Hymne an die Heimat" statt. Dabei erhält Kutzer den Nordgaupreis der Stadt Amberg. 1966 wechselt Kutzer nach Lehrer nach Bad Abbach.

Weit gespanntes Werk
Nach seiner Pensionierung intensiviert Kutzer die kompositorische Arbeit. Sein Werk ist weit gespannt und umfasst Solowerke, Kammermusik in ungewöhnlichen Besetzungen, geistliche und weltliche Chormusik, Lieder, Orchester- sowie Bühnenwerke.